Buch des Monats

02/11

Frau und Buch

Sofi Oksanen: Fegefeuer

Kiepenheuer & Witsch, 396 S., 19,95 €

Cover: FegefeuerFegefeuer ist die Geschichte zweier Frauen, einer sehr alten und einer sehr jungen Frau, deren Leben in einem großen Handlungsbogen aufeinander zu läuft. Gleichzeitig geht es um die Geschichte Estlands. Sofi Oksanen erzählt ihre "Familiengeschichte" in zwei Zeitabschnitten.

Einmal 1939 bis 1960 die tragische Geschichte der Aliide Truu , und 1991-1992 die Flucht Zaras vor ihren russischen Zuhältern. Beide Frauen haben grauenvolles erlebt, Besatzung, Kollaboration, Folter, Lager, Menschenhandel. Zara bewegt sich flüchtend auf das Haus ihrer Großtante zu, ob sie noch lebt, weiss sie nicht, Aliide Truu weiss weder, dass ihre Schwester noch lebt, geschweige denn, dass diese eine Enkelin hat, die hofft Rettung bei ihr zu finden.

Ein kühn und atemlos konstruierter Roman, dem ein Theaterstück der Autorin als Vorlage diente. Die Sprachdichte findet dort ihren Ursprung. Die Geschichte Estlands, deren Hauptstadt dieses Jahr Kulturhauptstadt sein wird, ist sicherlich den meisten Menschen hier im Westen fremd. Ein Land, besetzt von den Russen 1940, der Russlandfeldzug der Deutschen und die vermeintliche "Befreiung" Estlands von den Nazis, nach dem Ende des 2. Weltkriegs wieder russische Besetzung und nach Zusammenbruch der Sowjetunion endlich eigenständig gewordene Republik. Was passiert bei einer solchen Geschichte mit den Menschen? Mit den Frauen? In Fegefeuer stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, Frauen aus verschiedenen Generationen, beide Frauen traumatisiert, auf unterschiedliche Art. Sie sind nicht nur Opfer, sie sind beide schuldbeladene Opfer. Opfer ihrer Zeit.

Fegefeuer ist ein ungeheuer fesselnder Roman, in dem Sofia Oksanen nach der Entstehung von Hass und Gewalt fragt, auch wenn sie keine Antwort darauf weiß. Ein grandios geschriebener, spannender Roman, mit viel wissenswertem über ein kleines, vergessenes Land, das durch die Kulturhauptstadt auch ein Stück Aufmerksamkeit genießen wird, die es verdient. Auch Angela Plöger gebührt für die Übersetzung ein großes Lob. Begeistere Leser von Khaled Hosseinis Tausend strahlende Sonnen oder Drachenläufer werden von Fegefeuer ähnlich beeindruckt sein.