Cardabela-LeserInnen empfehlen
Lesestoff

Frau und Buch

Nadja Messerschmidt: Gespräche mit Arbeitslosen

C&N-Verlag Berlin, 9 €

Cover: Gespräche mit ArbeitslosenDreihundertzwanzig Bewerbungen hat sie verschickt, in zwei ABM-Stellen gearbeitet und eine Weiterbildungsmaßnahme besucht. Seit vierzehn Jahren ist Frau R. arbeitslos. Jetzt engagiert sich die Journalistin ehrenamtlich und wartet auf eine Entschuldigung vom Jobcenter, weil das ihre Bewerbungsunterlagen verschlampt hat. Was wie Satire klingt, ist Realität und nur eines von vielen Schicksalen, die Nadja Messerschmidt aufgeschrieben hat.

"Gespräche mit Arbeitslosen" heißt das Buch der Soziologin. Mutige Gespräche sind es, die sie vor einem Jobcenter in Berlin-Moabit und zuhause bei denen führte, die zwar arbeitslos genannt werden, aber eigentlich ständig beschäftigt sind: mit dem Amt, mit Maßnahmen oder Bewerbungen. Mit sich selbst und damit, die eigene Würde zu erhalten. Und mit anderen, weil sie sich nützlich machen und Sinnvolles tun wollen   im Ehrenamt, in der Nachbarschaft oder einem 1-Euro-Job. Diese Menschen stehen nicht am vielzitierten Rande der Gesellschaft, sondern mittendrin. Sie liegen nicht in der sozialen Hängematte, sondern stehen Schlange vor dem Amt. Weil die Wirtschaft keinen 60-jährigen Elektriker will, keinen afrikanischen Philosophen und keine alleinerziehende Mutter ohne Abschluss.

Arbeitslosigkeit, schreibt Messerschmidt, sei ein Zustand, der blind mache für den Wert der eigenen Person, aber auch für den Wert anderer. Wer den Mut hat, die Augen zu öffnen und sich über Werte in unserer Gesellschaft Gedanken zu machen, sollte dieses Buch lesen.
Nora Liebmann


Charles Lewinsky: Melnitz

Hanser Verlag, 774 S., 24.90 €

Charles Lewinsky hat einen großangelegten Familienroman geschrieben, beginnend 1871 in Engdingen, einem kleinen schweizerischen Dorf, entfaltet er sich über ein Dreivierteljahrhundert bis ins Jahr 1946. Als 1871 nachts ein entfernter Verwandte an die Tür der Meijers klopft, ahnt noch keiner der Familie, wie radikal sich ihr Leben ändern wird. Trotz der pessimistischen Grundstimmung erzählt Lewinsky das briet entfaltete Familien- und schweizerische Geschichtspanorama mit viel Gelassenheit und Humor und lässt den Leser zu einem bangenden und hoffenden Teil dieser Familie werden, Ein wunderbarer Schmöker, aus dessen epischen Tiefen jeder Leser genüsslich auftauchen wird.
Brigitte Völker-Wittlich

Ann Brashares: Eine für vier, der zweite Sommer

CBT-Taschenbuch, 7,90 €

In dem Buch >Eine für vier< geht es um die vier Freundinnen: Tibby, Bridget, Lena und Carmen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Doch, oder genau deswegen, stehen sie sich näher als sonst jemandem gegenüber. Sie verbringen seit ihrer Geburt jede freie Minute ihrer Freizeit miteinander und halten stets zusammen. Doch, wie im letzten Sommer auch, wird genau das diesen Sommer nicht gehen. Tibby hat nämlich vor, an einem College in Virginia einen Filmkurs zu belegen. Da hilft nur die JEANS AUF REISEN, diese ist laut der vier Freundinnen magisch, und soll ihnen, wie letzten Sommer auch, Glück bringen. Das verrückte ist, dass die Mädchen alle ganz unterschiedlicher Größe und Statur sind, und doch passt die Jeans ihnen allen! Damit jeder etwas von ihr hat wird sie den ganzen Sommer durch hin und her gereicht. Da nun einmal Pläne zum umschmeißen da sind, verläuft der Sommer ganz anders als vorgesehen. Die vier erleben einen spannenden, Erlebnis reichen und lustigen Sommer mit den wohlbekannten Höhen und Tiefen.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen, da es einfach Spaß macht, es zu lesen! Man kann mit den Mädels richtig mit fiebern und hat es schneller gelesen, als man denkt.
Violetta Klees, 14 Jahre

Kveta Legátová: Der Mann aus Zelary

dtv premium, 155 S., 12,--€

Protektorat Böhmen und Mähren 1942/43. Eine junge Ärztin gerät durch ihre Kurierdienste für eine Widerstandsgruppe in Gefahr und muss sich von jetzt auf gleich eine neue Identität zulegen. Sie heiratet – aber nicht den Mann ihrer Träume - und zieht mit ihm, aus der geliebten Großstadt, in eine einsame Bergregion.
Eine anrührende Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite.
Ilona Kerenyi

Claudia Schreiber: Emmas Glück

Goldmann, 187 S., 7,95 €

Ein Unfall führt sie zusammen. Emma, die allein und hochverschuldet auf ihrem Bauernhof lebt, findet eines Nachts in einem schrottreifen Ferrari das, was ihr im Leben fehlt: einen Sack voll Geld und einen Mann, Der junge todkranke Städter Max wollte eigentlich nach Mexiko verschwinden, als seine rasante Fahrt an einem Baum ihr abruptes Ende fand. Und nach einer Weile gesellt sich das Glück zu den beiden, wenn auch auf recht ungewöhnliche Art.
Ein schräges Buch zum Lachen und Weinen.
Sabine Schnur

Ann Patchett: Bel Canto

Piper, 316 S., 7,95 €

Abendkleider, Champagner und die begnadete Operndiva Roxane Coss – der perfekte Rahmen für eine unvergessliche Geburtstagsfeier. Plötzlich fallen Schüsse, und alles nimmt ein jähes Ende. Abgeschnitten von der Außenwelt durchlebt die exklusive Gästeschar in der Botschaft die Schrecken der Geiselhaft.
Ann Patchett beschreibt psychologisch genau, die sich entwickelnden Beziehungen zwischen Geisel und Geiselnehmer, die Verwischung von Feind- und Freundschaft über die lange Zeit der Gemeinsamkeit.
Ein Buch über den Wandel menschlicher Gefühle in extremen Situationen, feinfühlig und humorvoll erzählt .
Brigitte Völker-Wittlich

Adalbert Stifter: Der Nachsommer

dtv, 776 S., 15.-- €

Ein epischer Roman über Lebens- und Wirklichkeitsbewältigung und über eine spätsommerliche Liebe. Ein Roman, der Stille atmet und durch seine Bilder der Natur den Leser beruhigt und in eine andere Welt eintauchen lässt.
Friedrich Nietzsche rühmte schon früh den Roman "Was allein kann uns wiederherstellen? Der Anblick des Vollkommenen."
Ein Buch, dessen heilende Kraft lange nachwirkt
Dirk Kutting

Erich Loest: Sommergewitter

Steidl (2005), 341 S., 19,90 €

Das passende Buch zum heißen Sommer und zur deutschen (Zeit-)Geschichte. Erich Loest, gerade 80 geworden, ist ein packendes und mitreißendes Porträt des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in der DDR gelungen. Im Loest-typischen Erzählduktus gehalten, gewinnt das Buch durch den konsequent menschlichen Blick und die knappe Erzählweise. Herrlich, um an der Ostsee damit Urlaub zu machen!
Hermann Daiber

Richard Woodman: Der Kapitän der Caryatid

Ullstein, 238 S., 6,-- €

Angesiedelt in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, beschreibt der Autor eine herrliche Schnurre aus einem (fiktiven) kleinen walisischen Hafen. Man riecht förmlich die salzige Meeresluft. Der Kommandant eines Versorgungsschiffes für Leuchtfeuer und der frisch eingetroffene Hafenkommandant liefern sich ein Gefecht um Autorität und Frauen, in dem auch das Tanzvergnügen eine besondere Rolle spielt. Also: Ganz aktuell, dazu flott geschrieben und nicht nur für Freunde der maritimen Literatur bestens geeignet.
Hermann Daiber

Marge Piercy: Menschen im Krieg

Argument, 987 S., 19,90 €

Vom Leben und Sterben zwischen Auschwitz und Pearl Harbor erzählt dieser Facettenhafte Antikriegsroman. Klug und eindringlich berichtet Marge Piercy von jüdischen Lebenswelten überall, von menschlichen Alltagserlebnissen im zweiten Weltkrieg und von persönlichen Wünschen, Verlusten und Veränderungen. Marge Piercy erzählt in dem tausendseiten Werk von der gesamten Dimension des 2 Weltkriegs, genial verwebt sie die Schicksale von 6 Frauen und 4 Männern.
Die umfassendste Chronik der Jahr 1940-1945 weltweit. Ein zeithistorischer Roman der jeden Geschichtsunterricht ergänzen sollte.
Sylvia Köhler

Matt Ruff: Ich und die anderen

dtv, 716 S., 9,90 €
pünktlich als Taschenbuch erschienen

"Ich und die Anderen" ist die Geschichte von Andrew und Penny und den vielen 'Ichs', die beide in sich beherbergen.
Mit viel Humor, Einfühlsamkeit und Sachkenntnis beschreibt Matt Ruff die entstehende Freundschaft zwischen Andrew und Penny und den Anderen und den Anderen.
Ein wirklich lesenswertes Buch.
Martina Hammel

Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord

Bastei-Lübbe, 283 S., 7,90 €

Diese schräge und skurrile Geschichte beschreibt die Odyssee einer Gruppe finnischer Selbstmordkandidaten quer durch Europa, auf der Suche nach dem geeigneten Ort, um diesen durchzuführen. Doch die Probanden werden während der Reise immer lebenslustiger. Wie dieses Unternehmen letztlich ausgeht wird hier natürlich nicht verraten.
Ein Muss für alle Kaurismäki-Fans.
Eva Werner

Ketil Bjoernstad: Villa Europa

Suhrkamp, 535 S., 10,--

Von der Belle Epoque bis zum Fall der Berliner Mauer: der Autor erzählt die Geschichte einer Familie, deren dramatisches Schicksal zugleich die Geschichte des 20. Jhds. widerspiegelt. Beschrieben aus der Sicht der Familienmitglieder – in erster Linie der Frauen – die durch ganz Europa ziehen und immer wieder in jene Villa über dem Fjord zurückkehren, als ob nur dort die Welt noch Bestand hätte. "Das ist die Geschichte der Villa Europa. Manche verstecken sich. Manche warten darauf, dass andere anriefen. Manche lebten einfach nur ihr Leben"
Dem Schriftsteller und Musiker Ketil Bjoernstad ist mit Villa Europa ein wunderbar fesselndes Zeitengemälde gelungen, das von der ersten bis zur letzten Seite swingt.
Katharina Jerusalem