Buch des Monats

10/10

Frau und Buch

Ricardo Piglia: Ins Weiße zielen

Wagenbach Verlag, 256 S., 19,90 €

Cover: Ins weiße ziehenIn seinem lange erwarteten Roman zeigt Ricardo Piglia, dass nichts so ist, wie es scheint. Es geschieht ein Mord, es gibt einen Kommissar, der vermeintliche Mörder ist nicht der Mörder und auch wenn der Roman wie ein Krimi daher kommt, so ist er doch in Wirklichkeit weit mehr.

Die Ruhe in der argentinischen Provinz ist trügerisch. Tony Durán, erst vor kurzem mit den Zwillingsschwestern Belladonna in dem Dorf in der Pampa eingetroffen, liegt ermordet in seinem Hotelzimmer. Der von allen verdächtigte Yoshio Dazai ist es nicht und gegen den Willen des Staatsanwaltes Cueto ermitteln Kommissar Croce und der Journalist Renzi weiter. Was hat Cueto zu verbergen und in welche Geschäfte mit den Belladonnas ist Durán verwickelt.

Die vordergründige Geschichte ist für Piglia nur der Rahmen, um den herum er in Fußnoten viele kleine Geschichten erzählt, ohne dass der Lesefluss ins Stolpern gerät. Manchmal geht es um die Familie Belladonna, dann wieder um das Dorfleben, oder um die Geschichte des Landes, um wirtschaftliche Verflechtungen, Korruption und Staatsgewalt. Und am Ende entsteht ein aktuelles gesellschaftliches Panorama Argentiniens.

Beim Lesen schleichen sich Erinnerungen an Leonardo Padura, seinen Teniente Mario Conde und Kuba oder an Jean-Claude Izzo, seinen Ermittler Fabio Montale und Marseille ein. Wie auch dort gilt für Piglia "Je tiefer man dringt, desto mehr offenbart sich einem und desto intensiver wird das Lesevergnügen" (Jerome Cholet, Lateinamerika Nachrichten)