Buch des Monats

04/10

Frau und Buch

Michela Murgia: Accabadora

Wagenbach Verlag, 173 Seiten, 17,90 €

Die Geschichte der Accabadora spielt in einem sardischen Dorf in den fünfziger Jahren, ein kleiner Ort, bevölkert von Geistern und Seelen, Menschen und Tieren. Michela Murgia erzählt eine Mutter-Tochter Geschichte, die aber doch nicht so recht eine ist. Die alte Schneiderin Bonaria Urrai ist nicht Marias leibliche Mutter. Maria ist ein "fill'e anima", Tochter des Herzens, von der kinderlosen Alten, als sechsjährige zu sich genommen, um im Alter versorgt zu sein. Maria geboren, als vierte Tochter einer bitterarmen Witwe, erfährt hier Aufmerksamkeit, Schulausbildung und eine fast behütete Kindheit. Für sie wird Bonaria Urrai zu ihrer Mutter, doch ein Geheimnis umweht diese alte Frau.

Accabadora heißt wörtlich übersetzt die Beenderin; diese Figur taucht immer wieder in alten sardischen Sagen und Legenden auf. Bonaria Urrai ist eine solche Beenderin, sie verhilft Sterbenden auf eine sanfte Weise zum Tode. Jedermann im Dorf weiß ob ihres Berufes, ein Tun, das in ein Tuch des Schweigens gehüllt ist. Ihr wird im Dorf hohe Achtung entgegen gebracht. In Murgias Roman wird diese Art der Sterbehilfe von der dörflichen Gemeinschaft als ein Akt der Gnade mitgetragen und ist selbst vom Pfarrer akzeptiert. Als die Accabadora einmal die Grenzen übertritt und Maria von ihrer Profession erfährt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Maria verlässt Sardinien und versucht auf dem Festland, als Kindermädchen ein eigenes Leben zu leben. Doch die Bande reichen tief und am Ende ist es Maria, die der Accabadora aus dem Leben hilft.

Michela Murgia, selbst eine fill'e anima, beschreibt eine harte, karge Kultur ohne jegliche Form der Romantik, die selbst von den Alten noch gelebt wurde und weder der Duft der Orangentörtchen, noch die Erzählung von Hochzeitsbräuchen oder die eingestreuten sardischen Mundartausdrücke können davon ablenken.

Eine Mutter-Tochter-Geschichte, wie es sie noch nie zu lesen gab. Eine archaische Geschichte, die doch jung ist: könnte die Accabadora doch fast unsere Großmutter sein.