Autor des Monats05/10 |
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John Berger: A und X
Eine Liebesgeschichte in Briefen
Ein verlassenes Gefängnis, eine winzige Zelle und darin ein selbstgebasteltes Regal voller Briefe. Briefe von A für X. Das A steht für A'ida das X für Xavier. Die Stadt Suse steht stellvertretend für viele Städte, in denen Krieg herrscht, sie könnte in Mittelamerika liegen, in Afrika oder im Gazastreifen. Häuser werden durch Granatenbeschuss zerstört, Panzer zielen auf Demonstranten und die Soldaten sind Feinde der Bevölkerung. Warum, wieso das bleibt offen.
Dennoch sind es wunderschöne Liebesbriefe, die A'ida an den, als Terrorist inhaftierten Xavier schreibt. Da sie nicht verheiratet sind, ist kein Besuch möglich und die einzige Verbindung nach drinnen bleiben die geschriebenen Zeilen. A'ida erzählt von den kleinen Dingen des Alltags, dem Rhythmus der Jahreszeiten, dem politischen Kampf Sie erzählt von ihrer Hände Arbeit, vom Einkochen der Marmelade, die sie dann ins Gefängnis schickt, von Landschaften, die sie durchquert, auch von ihren Gedanken, Gefühlen und den Erinnerungen an gemeinsame Zeiten. Die Briefe unterliegen keiner Chronologie, sind, wie es scheint, willkürlich zu drei Bündeln zusammengeschnürt. Gerade durch diese zeitliche "Unordnung" werden die kleinen, liebevoll erzählten Alltagsgeschichten zu Hoffnungsträgern. Jede steht für sich und doch folgt der Leser einer Geschichte. Alles was er erfährt, erfährt er aus den Briefen A'idas.
Oft enden sie mit kleinen Zeichnungen von Händen, "Handreichungen", es sind Hände, die A'ida Xavier reicht, um die Brücke zwischen der Außen- und der Innenwelt zu erhalten.
Auf der Rückseite einzelner Briefe vermerkt Xavier seine Gedanken, die sich meist um Politik, Globalisierung, Verfolgung und Widerstand drehen. Auch diese kurzen Kommentare zur politischen Lage bilden eine Brücke zwischen der Welt A'idas und der Welt Xaviers.
Dieser Roman ist eine bewegende und ergreifende Liebesgeschichte in Briefen, die an vielen Plätzen der Welt spielen könnte. John Berger, nicht nur Autor, sondern auch Maler, gibt der Sprache sanfte, aber auch kräftige Farben und fügt so alles zu einem großen Gemälde. Ein Bild in dem Dinge, Menschen, Orte und Geschehnisse sich ergänzen und den Blick auf das Wesentliche des Lebens lenken. "Das Schreiben ist hier Gesang und Widerstand gegen eine unakzeptable Realität. Ästhetik, Moral und Emotion finden bei Berger zu einem Dreiklang zusammen, wie er in der zeitgenössischen Literatur viel zu selten zu hören ist" (Deutschland Radio Kultur).
Vor vielen Jahren hat mich sein Buch "Auf dem Weg zur Hochzeit" sehr begeistert, mit "A und X" hat John Berger meine Begeisterung von damals noch um vieles übertroffen.

