Buch des Monats

11/09

Frau und Buch

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

Luchterhand Verlag, 590 Seiten, 22,95 €

Der 5-jährige Johannes spricht nicht. Wo sich andere Kinder spielend, schreiend und lauthals ihre Welt erobern, ist er nur stummer Beobachter. Auch seine Mutter hat aufgehört zu sprechen. Sie teilt sich nur über Zettel mit, die sie auf den Küchentisch legt. Es sind immer die gleichen: klein, mit einem grünen Rand. Viele tausend werden es einmal sein, die sie während ihrer sprachlosen Jahre schreibt. Mutter und Sohn leben in einer engen Symbiose zusammen, ein stummes Paar. „Ich hatte Mutter im Blick und sie mich, wir achteten genau aufeinander. Meist ahnte ich sogar, was sie als nächstes tat, vor allem aber wusste ich oft, wie sie sich fühlte, ich spürte es sehr genau und manchmal war diese direkte Empfindung sogar so stark, dass ich ganz ähnlich fühlte wie sie“. Viele Stunden verbringt Johannes neben seiner Mutter auf einer Bank am Rhein, es sind seine schönsten Kindheitsmomente, die jäh enden, als er eingeschult wird. Die symbiotische Beziehung zur Mutter endet abrupt.

Ein schweres Schicksal lastet auf der Familie, von dem der Sohn nichts weiß, nur etwas ahnt, fühlt.

Doch da ist der Vater, der ein gutes Gespür für seinen Sohn hat, da ist ein Onkel der zum richtigen Zeitpunkt auftaucht, da gibt es die Kladden, kleine schwarze Tafeln in die Johannes seine Kindertage aufschreibt und beschreibt was er nicht spricht. Und da ist ein Klavier auf dem Johannes die Liebe zur Musik entdeckt.

Schon bald hat der junge Mann eine vielversprechende Karriere als Pianist vor sich, die ihn schließlich nach Rom ins Musikkonservatorium führt. Doch diese scheitert und aus Musik wird Sprache.

In unglaublich schönen Bildern und einer Sprache, in der die Musik weiter schwingt, verarbeitet Hans-Josef Ortheil in diesem autobiographischen Roman den Ausbruch aus seiner stummen Welt der Kindheit.