Buch des Monats

01/09

Frau und Buch

Erasmus Schöfer: Ein Frühling irrer Hoffnung

Bd. 1 der Tetralogie: Die Kinder des Sisyfos
Dittrich-Verlag, 484 Seiten, 20,00 €

Wir schreiben das Jahr 1968. Viktor Bliss, Schüler von Wolfgang Abendroth, wechselt als Universitätsdozent nach München an die dortige Uni, da seine Frau Lena hier eine Stelle als Gewandmeisterin an den Kammerspielen angeboten wird.

Hier erleben sie die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, die Studentenunruhen und die Diskussionen um die Verabschiedung der Notstandsgesetze. Ihr bisheriges Leben wird auf den Kopf gestellt und sie können sich dem Sog der Umwälzungen nicht entziehen. Welches Risiko sind sie bereit einzugehen?

Schöfer hat einen wunderbaren Zeitroman geschrieben, erzählt aus der damaligen Sicht der handelnden Personen, eingebettet in reale Geschichte: Besetzung der Druckerei des Springer-Konzerns, der Streik des Ensembles von Peter Stein an den Münchener Kammerspielen mit bekannten Schauspielern wie Bruno Ganz und anderen. Er erzählt auch von den persönlichen Veränderungen der Protagonisten durch die neuen Erfahrungen. Sturz der Autoritäten, Frauenemanzipation und sexuelle Befreiung werden heiß diskutiert und schlagen sich im alltäglichen Leben nieder. Überall herrscht Aufbruchstimmung.

Mit viel Humor und Wärme schildert der Autor den Weg seiner Personen mit Höhen und Tiefen, Euphorie und Zweifeln, Siegen und Niederlagen, und erzählt so nebenbei die Geschichte der bundesdeutschen Linken zwischen 1968 und 1969.

Viktor und Lena, und die anderen handelnden Personen dieses Romans sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich sofort die drei folgenden Bände in einem Rutsch gelesen habe, denn dieser Zeitroman ist auf vier Bände angelegt und endet 1989 mit dem Fall der Mauer.

"Erasmus Schöfer ist ein engagierter Schriftsteller, der gesellschaftliches praktisches Engagement mit politisch-kritischer Literatur verbindet, einer littérature engagée, die Partei ergreift für die Arbeiter, für sozial Deklassierte, gegen Naturzerstörung und Atomkraftwerke, für eine Demokratisierung der deutschen Gesellschaft – eine Literatur, die ihre Formen aus den Stoffen und Zielen entwickelt und neue Wege im Hörspiel, in der Erzählkunst und auch in Filmen geht." (aus Wikipedia)