Buch des Monats06/09 |
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Anne Michaels: Wintergewölbe
Berlin Verlag, 351 Seiten, 22,-- €
Sie begegnen sich in einem Fluss ohne Wasser. Jean sammelt Pflanzen in einer Landschaft, die es so nicht mehr geben wird. Avery ist Ingenieur und war maßgeblich beteiligt an der Flussbegradigung. Es ist Liebe auf den ersten Blick, eine sanfte, stille Annäherung. Als Avery nach Ägypten gerufen wird, um den Tempel Abu Simpel zu versetzen, bevor die Wassermassen, die den künstlichen Nassansee füllen sollen, alles überfluten, heiraten sie. Jean begleitet ihn und sammelt auch hier Pflanzen, die es bald nicht mehr geben wird. Avery plant und verfolgt den Auf- und Abbau des Tempels, anfänglich froh, diesmal retten zu können und nicht verantwortlich für bloße Zerstörung zu sein.
An den Abenden auf dem Nil erzählen sie sich ihr Leben. Doch je bewusster die Verödung um sie, je sinnlos letztendlich die Versetzung des Tempels und je mehr das Leben aus dieser Region verschwindet, umso mehr kommt ihnen ihre Liebe abhanden. Im Angesicht der Zerstörung und Vertreibung, der Fragwürdigkeit des Rettungsaktes finden beide keine Sprache für ihr Unbehagen. Nach dem persönlich größten Verlust - Jean ist schwanger und verliert ihr Kind – ist eine Trennung unausweichlich.
Irgendwann trifft Jean Pawel, einen älteren, polnischen Künstler, der das Warschauer Ghetto überlebte. Und wieder erzählen sie sich in den Nächten ihr Leben. Wieder sind es Geschichten von Zerstörung, Vertreibung, Wiederaufbau, Flucht und Neuanfang. Wie schon in „Fluchtstücke“ ist dies auch ein Stück eigene Familiengeschichte. (Anne Michaels Eltern stammen aus Polen und sind nach Kanada emigriert).
Nach einem Jahr treffen sich Jean und Avery wieder.
"Wintergewölbe" ist der Roman einer großen Liebe, in dem sich die Autorin wieder als sensible Beobachterin zwischenmenschlicher Beziehungen und Verstörungen erweist und sich vor allem auf die leisen, feinen Zwischentöne versteht. Es geht immer wieder um die Vergänglichkeit, um Vertreibung, Neuanfang, Trauer und Verlust, doch auch um Wiederkehr, Hoffnung, und Liebe.
Wie schon in ihrem ersten Roman hält die metaphernreiche, bildmächtige Sprache schnell den Leser/in gefangen. Eine Sprache, der es gelingt ganze Gefühlswelten zu erschließen, Sätze deren Schönheit noch lange nachklingt. Ein Buch, das man immer und immer wieder lesen möchte. Ein Kleinod in der großen Bücherflut.

