Buch des Monats10/08 |
![]() |
Steven Galloway: Der Cellist von Sarajewo
Luchterhand Verlag, 238 Seiten, 19,95 €
1984 steht Sarajewo im Mittelpunkt des Interesses der Welt durch die Austragung der Olympischen Spiele. Kein Mensch hätte geglaubt, dass diese strahlende Stadt keine sechs Jahre später Schauplatz einer menschenverachtenden Belagerung sein würde. Sarajewo wurde zu einem Trümmerfeld.
Das Leben der Einwohner ist ein täglicher Kampf ums Überleben: Nahrungsmittel und Wasser werden knapp, jeder Schritt ins Freie ist mit Lebensgefahr verbunden. Heckenschützen schießen unterschiedslos auf alles, was sich bewegt.
Der Cellist Vedran Smailovic wird im Jahr 1992 Zeuge eines Granateneinschlags in eine Warteschlange um Brot, die 22 Menschen das Leben kostet. Um ein Zeichen zu setzen, gegen den Irrsinn dieses Krieges, beschließt er, jeden Nachmittag, 22 Tage lang, genau an dieser Stelle, in den Trümmern Sarajewos, zum Gedenken an die Toten, das Adagio in g-dur von Tomaso Albinoni, zu spielen.
Um diese Geschichte rankt sich exemplarisch das Alltagsleben von drei weiteren Einwohnern der Stadt: Dragan, dessen Weg zur Arbeit nun mit großer Lebensgefahr verbunden ist, Kenan, der unter Einsatz seines Lebens Wasser für seine Familie aus den Bergen holt und Strijela, die Studentin, die als ehemalige Sportschützin ihr Können in die Verteidigung der Stadt einbringt und auf die "Männer in den Bergen" schießt.
Anhand der Erlebnisse dieser Figuren wird der furchtbare Alltag der Belagerten, der tägliche Überlebenskampf, die Angst und der Hass, aber auch die Hoffnung auf ein "Danach" eindringlich geschildert. Und für alle stellt der Cellist mit seinem täglichen Konzert ein Zeichen der Hoffnung dar.
Der Autor erzählt diese Geschichte als distanzierter Beobachter, ohne zu bewerten. Er konfrontiert den Leser mit dem Geschehen und zwingt ihn, sich seine eigenen Gedanken und Bilder zu machen. Dazu passt das Adagio von Albinoni perfekt, da dieses Stück ein großes Spektrum der unterschiedlichsten Emotionen abdeckt.

