Buch des Monats05/08 |
![]() |
Gail Jones: Sechzig Lichter
Edition Nautilus, 223 Seiten, 19,90 €
Der von Conny Lösch übersetzte und im Nautilus Verlag erschienene Roman „Sechzig Lichter“ von Gail Jones kreist um das Medium der Fotografie. Doch dies ist nur eine, wenn auch den größten Raum einnehmende Ebene dieses vielschichtigen Romans.
Wir befinden uns im 19. Jahrhundert in Australien. Lucy Strange und ihr Bruder Tom, nach dem Tod ihrer Eltern verwaist, werden nach einigen Irrwegen von ihrem skurilen Onkel Neville nach England geholt. Er kümmert sich liebenswert um die beiden in sich zurückgezogenen, trauernden Kinder und ganz behutsam entsteht Zuneigung. Jedoch zwingt bald die finanzielle Not Tom und Lucy zu arbeiten; er in einer Laterna-Magica-Show, sie in einer Fabrik, die Fotopapier herstellt. Um der finanziellen Not zu entkommen, bittet Neville schließlich die junge Lucy nach Indien zu reisen, um seinen alten Freund Isaac, bei dem er in Schuld steht, zu heiraten.
Auf der Überfahrt lässt sie sich auf eine folgenschwere Liebschaft ein. Bei der Ankunft in Bombay sind beide überrascht, hatte Isaac eine erwachsene Frau erwartet, enttäuschte Lucy der alte Mann mit „knubbelig arthritischen“ Händen. Doch wie schon zwischen Neville und den Kindern, lässt Gail Jones auch hier eine allmähliche Annäherung zu. Es entsteht eine Beziehung, die so einmalig, da sie sich jeder Konvention entzieht. Isaac wird zum unauffälligen Lehrer mit seinem nebenbei erzählten Wissen; Lucy zu einer selbstbewussten eigenständigen Frau. Auch zu Lucys „mitgebrachter“ Schwangerschaft findet Isaac eine erstaunliche Lösung. Mit Hilfe eines gemeinsamen Hochzeitphotos, soll Lucy nach der Geburt als Witwe nach England zurückkehren und damit der Schmach einer unehelichen Schwangerschaft entgehen.
Schon früh entwickelt Lucy einen fotographischen Blick, mit dem sie Dinge, Licht und Schatten festzuhalten versucht. Die besondere Helligkeit des Meeres, das klare Licht Indiens inspirieren sie stark. Sie führt Tagebuch über „Besondere gesehene Dinge“. Isaac ermöglicht ihr eine Ausbildung bei einem Fotografen. Sechzig Lichter sieht Lucy, als sie während des Lichterfestes in Bombay zusammenbricht, weil die Geburtswehen einsetzen. Nach der Geburt ihrer Tochter kehrt sie, nicht ohne ein bisschen Wehmut beim Abschied von Indien und Isaac zu spüren, nach England zurück. Sie werden immer enge Freunde bleiben.
Lucys Art die Dinge in der Welt zu sehen, ihr Wunsch sie als bedeutsam festzuhalten und der Erinnerung zugänglich zu machen, lassen sie zu einer ganz besonderen Persönlichkeit und Fotografin werden. Sie stirbt mit 22 Jahren an Schwindsucht nachdem sie in Jakob ihre große Liebe fand.
Nebenbei ist dieser Roman eine Reise zwischen Fremdem und Vertrautem, kulturübergreifend von Australien nach England, von England nach Indien und von Indien wieder nach dem fremdgewordenen England.
Sechzig Lichter erinnert an ein Fotoalbum voller, der Zeit entrissener Augenblicke. „Was wir beachten sollten, sind die Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen“. Und das tut dieses Buch!

