Buch des Monats

08/2006

Frau und Buch

Richard David Precht: Lenin kam nur bis Lüdenscheidt

Claassen Verlag, 352 S.,18,00 €

Eine Familiengeschichte erzählt von dem 1964 geborenen Autor. Klug, kritisch und mit viel Witz führt R.D. Precht durch seine Kindheit und das Erwachsenwerden in den 70ern und 80ern.

Als Kind westdeutscher Linker im provinziellen Solingen, lernt er schon früh zwischen Gut und Böse – zwischen Sozialismus und Kapitalismus zu unterscheiden. Die Eltern sind durch den Vietnamkrieg politisiert und als Mitbegründer der deutschen Sektion von terre des hommes liegt es dann auch nahe, dass Richard David bald zwei vietnamesische Geschwister bekommt, womit der Traum seiner Eltern fünf Kinder großzuziehen, Realität geworden ist.

Sie wachsen auf mit Theaterstücken vom Grips-Theater, Liedern von Süverkrüp und Degenhardt. "Wir selbst hören Degenhardt auf dem kleinen orangefarbenen Partyplattenspieler mit einer 2-Wattbox im Deckel und einer schweren Nadel..... und grölen mit ... 'Euer Kampf, nie Cola und Bart.......'" Es sind wunderschöne Samstag Nachmittage.

R. D. Precht erzählt mit viel Selbstironie von den ersten Begegnungen mit der 'anderen Welt', im Kindergarten bei Schwester Tabea oder später in der Schule im Musik- und Religionsunterricht bei Frau Pickelein. Das Leben zwischen den zwei Welten stellt oft unlösbare Fragen, und hinterlässt bisweilen schmerzhafte Blessuren. Mit der Logik eines 6,7,8-jährigen und mit gesundem Selbstbewusstsein versucht Precht sich als Außenseiter zu behaupten. Feindbild Nr. 1 ist die USA, Dynamo Kiew ist die weltbeste Fußballmannschaft, die DDR ist prima und die schönsten Arbeiterlieder singt Hannes Wader.

Prechts Kindheits- und Jugenderinnerungen sind eine überaus liebevolle Rückschau auf ein politisches Elternhaus; humorvoll, nachdenklich und mit Erinnerung an viele prägende Details erzählt.

"Lenin kam nur bis Lüdenscheid" ist weit mehr als eine Familiengeschichte, die politischen Ereignisse dieser Zeit, vom Autor häufig nur angedeutet, rufen Bilder und Assoziationen bei jedem Leser, der diese Zeit, als politische Zeit erlebt hat, wach. Genau das macht das Buch so lesens- und liebenswert. Eine gelungene Biographie, in der sich alle, die einmal links waren (oder auch noch sind) mit einem lachenden, manchmal auch mit einem weinenden Auge wiederfinden.