Buch des Monats

Juni 2013

Frau und Buch

Taiy Selasi:
Diese Dinge geschehen nicht einfach so

S. Fischer Verlag, 400 Seiten, 21,99 €


Cover Diese Dinge geschehen nicht einfach soTaiye Selasi ist Schriftstellerin und Fotografin. Selasi wurde vor 32 Jahren in London geboren. Ihre Mutter eine Ärztin, stammt aus Nigeria und Schottland, ihr Vater war ein Chirurg aus Ghana. Studiert hat Selasi in Yale und Oxford.

Sie erfand den Begriff "Afropolitan, mit dem sie junge, gut ausgebildete Afrikaner bezeichnet, die auf der ganzen Welt verstreut arbeiten und leben, keine klassische Heimat mehr haben, "sondern an vielen Orten zu Hause sind".

In "Diese Dinge geschehne nicht einfach so" schildert Selasi das Unglück einer globalisierten, durch Schicksal und eigene Fehler zerrissenen Familie. Erzählt wird die Geschichte des ghanaischen Arztes Kwaku Sai, der mit seiner Frau Fela und seinen vier Kindern ein durchschnittliches Wohlstandsleben an der amerikanischen Ostküste führt – bis er durch einen von neidischen Kollegen verursachten Operationsfehler Job und Familie und letztendlich auch sein Leben verliert. Aus Scham und Hilflosigkeit verließ er seine Familie und kehrte nach Ghana zurück.

Der Roman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" setzt mit dem Morgen seines Sterbens ein, im Garten seines Hauses, das er sich nach seiner Rückkehr gebaut hat. Bis dahin war er ein Mann, der sich selbst die Devise "Nichts Erinnernswertes und deshalb nicht Betrauernswertes" verordnet hatte.

In Rückblicken erfahren wir, dass zu vergessen lange zu einer notwendigen Strategie für den bildungshungrigen und mit einem Stipendium in die USA geschickten jungen Mann gehörte. Was Kwaku nicht ahnen konnte, sind die Folgen des Wegblendens der Vergangenheit für die Söhne und Töchter. Weil sie seine Geschichte nicht kenne, können sie ihn nicht verstehen. Sie sind sich nie sicher, ob sie geliebt werden. Sein plötzliches Verschwinden verstärkt diese Unsicherheit noch mehr.

Fela bekommt das Leben mit vier Kindern und ohne Kwaku nicht mehr in den Griff. Sie weiß nichts von seinem Operationsfehler, seiner Scham, die ihn zum Weggang zwingt. Ihr Leben ist überschattet von diesem Nicht-Wissen. Sie muss alles neu ordnen und mit ihrer Hände Arbeit eine neue Zukunft aufbauen, ihre eigene, akademische hatte sie für Kwaku aufgegeben. Die Kraft reicht nicht für die Verantwortung für vier Kinder aus. Sie schickt die beiden Zwillinge zu ihrem reichen Stiefbruder nach Nigeria, im Glauben, dass sie gut versorgt werden. Doch schon nach kurzer Zeit muss Fela sie als gebrochene Kinder mit gebrochener Beziehung zurück holen. Olu, der Älteste, wird wie sein Vater ein Star-Chirurg, dessen Angst vor dem Verlassenwerden jede Beziehung erschwert. Sadie, die Jüngste scheitert erst auch mal am Leben.

Am Ende des Romans, als die Kinder bereits erwachsen sind, kommt die Familie auf Kwakus Beerdigung zusammen. Sein Tod kittet jene Lebensfetzen, die sein Verschwinden einst hinterlassen hat. Selasi hat in "Diese Dinge..." beschrieben, wie schmerzlich ein Leben mit blinden Flecken ist und der Versuch, die Bedeutung der Herkunft klein zu halten, oft zu einem Leben in Uneigentlichkeit führt – dem Gefühl, sich selbst nicht klar zu sehen zu können.

Ihr ist ein kosmopolitischer Roman gelungen, der mühelos zwischen New York und Lagos, Bostons Vorort Brookline und Ghanas Hauptstadt Akkra wechselt, der in amerikanischen Kliniken und in afrikanischen Hütten spielt, der die Mythen der Yoruba ebenso selbstverständlich ins Spiel bringt wie die amerikanischen Frühstücksflocken. Für Kwaku und mehr noch für seine Kinder geht es darum, eine Identität aufzubauen, "eine Identität aus völlig verschiedenen Quellen zu erfinden" und dies in einer Welt in der schwarz nicht mehr schwarz und weiß nicht mehr weiß ist.